Als Felix die letzten Kartons aus dem Haus seiner Eltern in seine Wohnung schleppte, fühlte sich alles noch dumpf und fern an, wie ein zu lauter Film, dessen Tonspur nicht ganz synchron war.
Wochenlang hatte er das alte Haus entrümpelt, jeden Schrank ausgeräumt, jedes Foto angesehen. Und doch war ihm die schmale Holzschachtel nie aufgefallen – bis sie plötzlich in einer Staubwolke vor seinen Füßen lag, als hätte sie sich selbst in Erinnerung gebracht.
Jetzt, Monate später, stand sie zwischen den Dingen, die er noch sortieren wollte. Es war ein trüber Abend, der Regen klatschte in wellenartigen Schleifen gegen das Fenster, und Felix spürte die seltsame Anziehung des unscheinbaren Kastens.

Die Holzschachtel war länglich, etwa 25 Zentimeter breit und keine zehn hoch. Unauffällig. Schrammen, kleine Dellen.
Er strich mit dem Daumen darüber. Kalt. Glatt. Fremd. Als er den Deckel anhob, knarrte das Scharnier wie ein Atemzug, der jahrelang angehalten worden war. Drinnen lag eine vergilbte Notiz, offensichtlich aus einer alten Schreibmaschine. Die Tinte war graublau verblasst.
Verliere dich im Zufall nicht?
Das Fragezeichen irritierte ihn noch mehr als der Satz. Warum überhaupt diese Botschaft? Und vor allem – warum sollte jemand sie in einer Holzschachtel verstecken?
Hinter der Notiz war etwas eingeklemmt. Eine Münze – senkrecht stehend, fast so, als wollte sie nicht berührt werden. Felix zog sie vorsichtig heraus.
Sie war schwerer, als er erwartet hatte. Auf der einen Seite war ein antiquiertes Fernglas eingraviert, sorgfältig, fast kunstvoll. Auf der anderen ein moderner Rückspiegel, glänzend glatt. Vergangenheit und Zukunft in einer rotierenden Metapher – oder einem Rätsel.
„Was soll das bedeuten?“ murmelte Felix in die Stille.
Als Felix’ Finger die Münze auf den Handrücken klatschen ließen, schien die Zeit erst zu zögern – dann zu brechen. Der Rückspiegel auf der Münze glimmte auf, ein fahles, fast elektrisches Flackern, das sich wie ein Faden Licht vom Metall löste und seine Haut entlang kroch.
Ehe er begreifen konnte, was geschah, zog es ihn hinein, als würde jemand hinter dem Spiegel stehen und an seiner Silhouette ziehen.
Er wollte schreien, aber kein Ton verließ seinen Mund. Die Welt wurde schmal, wie durch einen schmalen Tunnel gezogen. Die Farben verzogen sich. Töne wurden langgezogen, verzerrt, dann abrupt stumm.
Mit einem heftigen Ruck war der Sog vorbei. Felix stolperte nach vorne und landete auf kaltem Asphalt.
Er sah sich um. Es war… sein Elternhaus. Aber nicht, wie er es kannte. Der Gartenzaun war neu lackiert, die Rosenbüsche standen voller Blüten, die Garage besaß noch ihr ursprüngliches Holztor, das schon seit Jahren ersetzt worden war. Die Luft roch anders. Irgendwie klarer. Und dann hörte er die Stimmen.
Kinder. Zwei Jungen. Einer davon –
Felix erstarrte.
Der kleinere Junge rannte lachend über den Hof, einen viel zu großen Fußball unter dem Arm. Der ältere folgte ihm, beide barfuß, beide mit leuchtenden Augen. Der kleinere Junge war er selbst. Vielleicht acht Jahre alt. „Unmöglich…“, flüsterte Felix.
Er berührte die Hauswand. Kühl. Echt. War das ein Traum? Oder etwas anderes? Die Münze lag nun wieder in seiner Hand, unscheinbar, als hätte sie nichts verbrochen. Die Fernglas-Seite war nun oben – und glimmte schwach, wie ein Herzschlag im Metall.
Felix wich zurück, als sich die Haustür öffnete. Eine Frau trat heraus. Seine Mutter. Jung. Gesund. Mit der gleichen Schürze, die sie immer trug, wenn sie gebacken hatte. Er spürte, wie sich sein Hals zuschnürte. Sie blickte zu den spielenden Kindern, lächelte – und wandte dann den Blick in Felix’ Richtung.
Für einen Augenblick erstarrte ihr Gesicht. Die Stirn zog sich zusammen, als würde sie etwas erkennen, das sie nicht erkennen dürfte. Doch dann löste sich die Regung wieder. Vielleicht nur ein Schatten. Vielleicht… doch mehr.
Felix wich instinktiv einen Schritt zurück. Er durfte nicht gesehen werden. Irgendetwas sagte ihm das. Vielleicht war es das Flüstern des Zufalls, von dem die Notiz sprach.
Er spürte eine Bewegung hinter sich, eine Art Luftzug. Als er sich umdrehte, stand dort ein Mann – schlank, in einem dunklen Mantel, das Gesicht halb im Schatten einer Straßenlaterne verborgen. Er stand viel zu nah.
Und doch hatte Felix ihn nicht kommen hören. „Du hast die falsche Seite gewählt“, sagte der Mann leise. „Was? Wer… wer sind Sie?“
Der Mann deutete auf die Münze. „Der Rückspiegel bringt dich zurück. Das Fernglas zeigt dir, was vor dir liegt. Und du hast dich entschieden, ohne zu verstehen.“
„Ich wollte nichts entscheiden! Ich habe sie nur… geworfen.“
Ein angespanntes Lächeln huschte über das Gesicht des Fremden. „Zufall ist niemals zufällig.“
Felix wollte etwas erwidern, da hörte er seinen Namen.
Felix!
Die Stimme kam hoch, klar – aus der Vergangenheit. Er drehte sich ruckartig um. Der kleine Felix stand keine drei Meter von ihm entfernt. Die großen Kinderaugen starrten ihn an, groß, fassungslos. Vielleicht erschrocken. Vielleicht aber erinnernd.
„Du bist… du bist…“, stammelte der Junge. Sein kleiner Körper zitterte. „Ich kenne dich…“. Die Luft flimmerte. Etwas stimmte nicht. Etwas veränderte sich. Der Mann hinter Felix machte einen Schritt näher.
Du musst jetzt entscheiden. Sofort.
Felix sah von dem Jungen zum Mann, dann zur Münze in seiner Hand. Das Fernglas glühte stärker, pulsierend. „Ich verstehe nicht!“. Der Mann beugte sich zu ihm.
Vergangenheit oder Zukunft? Eine Seite wird sich schließen.
Plötzlich schrie der kleine Felix – ein schriller, panischer Schrei, der die Luft zerriss. Hinter ihm tauchte eine weitere Gestalt auf der Veranda auf. Felix’ Vater. Aber nicht jung. Alt. Genau so, wie Felix ihn zuletzt gesehen hatte, kurz vor seinem Tod. Nur dass der ältere Vater den jüngeren Felix nicht ansah. Sondern direkt ihn. Den erwachsenen Felix. Mit einem Blick, der verriet, dass er schon lange wusste, dass dieser Moment kommen würde.
„Du bist zu früh“, sagte der alte Vater tonlos. „Viel zu früh.“. Die Münze glühte heiß in Felix’ Hand. Das Fernglas strahlte jetzt hell. Zu hell. Etwas riss. In der Luft. Im Raum. In ihm. Und bevor Felix auch nur eine Entscheidung treffen konnte, packte ihn eine unsichtbare Kraft am Kragen und zog ihn rückwärts in ein gleißendes Licht. Er hörte den Jungen schreien. Er hörte seinen Vater etwas rufen, aber die Worte zerrissen im Strahlen.
Der Mann im Mantel sagte nur noch einen Satz, kurz bevor alles weiß wurde:
Du wirst es wieder versuchen müssen.
Dann – Stille. Felix fiel. Oder wurde gestoßen. Oder erwachte.
Als er die Augen öffnete, lag er auf kaltem Boden. Beton. Dunkelheit ringsum. Ein Tropfen hallte irgendwo im Unbekannten. Neben ihm lag eine Holzschachtel. Seine Holzschachtel. Geschlossen. Die Münze fehlte. Im Dunkeln hinter ihm raschelte etwas. Jemand atmete. Und dann sagte eine Stimme:
Willkommen zurück.