Der britische Kulturwissenschaftler Edgar Steinwater war nicht aus Neugier nach Herford gereist, sondern aus PflichtgefĂĽhl.
Sein neues Sachbuch über vergessene Militärarchitektur verlangte nach Authentizität, nach Staub unter den Fingernägeln und Bildern, die rochen, als hätten sie Geschichte geatmet. Die Hammersmith Barracks, eine verlassene Kasernenanlage am Rand der Stadt, galten als belanglos. Gerade das machte sie verdächtig.
Block 8 lag im Schatten eines grauen Himmels, der seit Stunden keine Entscheidung traf, ob er regnen wollte oder nicht. Steinwater stieg die schmale Kellertreppe hinab. Unten erwarteten ihn nichts weiter als in die Jahre gekommenes Mobiliar, ein umgestürzter Metallstuhl, ein kaputter Spiegel, der nur als solcher zu erkennen ist, da der Rahmen die unzähligen Splitter zusammenhält, Aktenregale ohne Akten – und ein modriger Geruch, der sich wie ein schlechter Gedanke festsetzte.
Er hob die Kamera, wollte gerade abdrücken, als ihm etwas auffiel. Eine verblasste rote Linie, quer über den Betonboden gezogen. Sie war unregelmäßig, an manchen Stellen fast verschwunden, als hätte jemand versucht, sie auszuradieren – oder als hätte die Zeit selbst daran genagt. Steinwater folgte ihr mit dem Blick. Sie endete abrupt, etwa zweieinhalb Meter vor einem unauffälligen Schrank.
Der Schrank war alt, aus hellem Holz, übersät mit Schrammen und Kerben. Keine Beschriftung. Kein Schloss. Als hätte er nie verschlossen werden sollen. Steinwater zögerte. Er spürte dieses leise, irrationale Unbehagen, das man sonst nur aus Träumen kannte – das Gefühl, dass eine Entscheidung bereits getroffen worden war, bevor man sie bewusst fällte. Er öffnete die Tür.

Innen hing eine Dartscheibe. Drei Pfeile steckten bereits darin. Auf den ersten Blick war sie vollkommen gewöhnlich. Abgewetzter Filz, leicht schief montiert. Doch im Bullseye befand sich kein roter Punkt. Dort war ein Fragezeichen.
Steinwater trat näher. Die Kamera sank langsam herab. Einer der Pfeile trug eine kleine, vergilbte Notiz, so dünn, dass sie bei der kleinsten Bewegung hätte zerfallen können. Die Schrift war kaum leserlich, aber er entzifferte die Worte:
Du stehst hier nicht zum ersten Mal.
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Steinwater lachte nervös. Er hatte diesen Raum nie zuvor betreten. Und doch … war da dieses Gefühl, als hätte er genau hier schon einmal gestanden, die gleiche Linie gesehen, den gleichen Geruch eingeatmet.
Er bemerkte plötzlich, dass die rote Linie auf dem Boden nicht zufällig gezogen war. Sie entsprach in etwa der Entfernung, die man beim Darts einhalten musste. Er trat einen Schritt zurück.
Die Dartscheibe vibrierte leicht. Nur fĂĽr einen Moment. Dann war es still.
Auf der Rückseite des Schranks entdeckte er eingeritzte Zahlen. Daten. Jahrzehnte umspannten sie. Einige waren durchgestrichen. Neben dem aktuellen Jahr war ein kleiner Pfeil eingeritzt – exakt in derselben Form wie die Pfeile in der Scheibe. Steinwater hob langsam einen der Darts heraus.
In dem Moment flackerte das Licht. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er den Raum anders: voller Möbel, Stimmen im Hintergrund, Gelächter. Männer in Uniform. Jemand warf einen Dart.
Dann war alles wieder leer. Die Notiz in seiner Hand hatte sich verändert. Die Schrift war nun klar, frisch, als wäre sie eben erst geschrieben worden:
Triff die richtige Frage.
Steinwater wusste nicht, wie lange er dort stand. Sekunden? Stunden? Als er schlieĂźlich die Kamera wieder hob, war die Dartscheibe verschwunden. Der Schrank war leer. Die rote Linie war fort.
Als Steinwater den Keller verließ, bemerkte er erst draußen, dass die rote Linie unter seinen Füßen weiterlief – und dass er sie nie überschritten hatte.