Eine Kurzgeschichte über ein Haus, das nicht da war. In einer abgelegenen Ortschaft, zwischen verwuchertem Unterholz und knorrigen Bäumen, stand eines Morgens ein kleines, unauffälliges Haus.

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Niemand hatte gesehen, wie es gebaut wurde. Niemand hatte den Lärm eines Baggers gehört, keine Lieferung von Baumaterial bemerkt. Jahrzehntelang hatte die Natur das Grundstück zurückerobert, Moos, Farn und Stille – und doch war nun ein makellos weißer Bungalow zu sehen, so als hätte er schon immer dort gestanden.

Die Bewohner des Dorfes waren gleichermaßen verwundert wie fasziniert. Mutigere wagten sich näher heran, spähten durch die Fenster hinein und fanden eine perfekte, gemütliche Einrichtung. Schlichte Möbel, ein geschmacksvolles Sofa, Teller und Gläser ordentlich sortiert – bewohnt, aber ohne Bewohner.

Tagelang geschah nichts. Kein Rauch aus dem Kamin, keine Schritte im Kies. Es wirkte fast wie ein BĂĽhnenbild, das auf seinen ersten Schauspieler wartete.

Bis eines Tages die Tür geöffnet wurde.
Ein Mann trat heraus – so plötzlich, dass man meinen konnte, er sei aus dem Nichts erschienen. Er hatte ein Gesicht, an das man sich nicht erinnern konnte, selbst wenn man ihn gerade noch ansah. Ein Gesicht ohne Merkmale, ohne Besonderheit, ohne Geschichte. Sauber gekleidet, gepflegt, höflich nickte er den Umstehenden zu. Niemand wusste, was man ihn fragen sollte. Und ehe man es konnte, war er wieder im Haus verschwunden.

Die Neugier wuchs zu Besessenheit. Jede Nacht standen neue Personen vor dem Zaun, lauerten, ob sich etwas rührte. Die Fenster waren nun beschlagen – als atme das Haus selbst. Schatten bewegten sich darin, doch nie sah man den Mann erneut hinausgehen. Und nachts… hörte man leises, unverständliches Murmeln.

Eines Abends fasste eine Gruppe Jugendlicher den Mut, tiefer vorzudringen. Die Tür ließ sich öffnen, als hätte sie auf sie gewartet. Im Inneren empfing sie warme Luft, der Duft frisch gebrühten Kaffees und orchestrierte Heimeligkeit – jedoch keine Spur des Mannes.

Stattdessen fanden sie ĂĽberall Bilder.
Bilder von Menschen. Den Dorfbewohnern. Jenen, die am Zaun standen, die durch die Fenster geschaut hatten, die tuschelnd vorbeigegangen waren. Und sie fanden eines, das noch feucht war von der Farbe: Eine Aufnahme der Gruppe selbst – wie sie genau in diesem Moment die Wand bestaunten.

Panisch stĂĽrzten sie nach drauĂźen. Der Bungalow war verschwunden. Nur die ĂĽberwucherte Leere blieb zurĂĽck. Kein Fundament, kein Abdruck, keine Spur.

Doch als sie erleichtert in ihre Häuser flohen, atemlos und bebend, bemerkte keiner von ihnen die zusätzliche Fotografie, die sich in ihre Wohnzimmer geschlichen hatte. Dezent, eingerahmt.

Das Bild zeigte den Mann mit dem Allerweltsgesicht. Wie er gerade aus ihren Haustüren trat. Und lächelte.

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