Millionen und Abermillionen von Jahren lebten die Menschen einst auf dem Mars. So lange, dass selbst die Erinnerung daran brĂĽchig geworden war, wie zerfallene Steintafeln in einem Sandmeer aus Zeit.

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Der Mars war nicht immer rot, nicht immer kalt. Er war ein lebensfreundlicher Planet gewesen, durchzogen von Meeren, bewachsen von widerstandsfähigen Wäldern, beleuchtet von einer Sonne, die noch Wärme schenkte, ohne zu verbrennen. Die Menschen hatten ihn gezähmt, hatten Städte aus Kristall und Metall errichtet und glaubten, endlich angekommen zu sein.

Doch Zeit ist ein stiller Feind. Unaufhaltsam wandelten sich die idealen Bedingungen. Die Sonne schwächte sich ab, die Atmosphäre dünnte aus, und was einst grün gewesen war, wurde grau und schließlich staubig. Der Mars wurde immer kälter und trockener. Flüsse verdampften, Ozeane zogen sich zurück wie verletzte Tiere. Die Menschen reagierten zu spät. Kuppeln ersetzten Himmel, Maschinen ersetzten Regen, Hoffnung ersetzte Vernunft.

Schließlich wurde klar: Es wurde ein neuer Planet benötigt. Nicht aus Abenteuerlust, sondern aus nacktem Überlebenswillen. Die Berechnungen waren gnadenlos. Es gab nur eine einzige Option: ein entfernter, wasserreicher Himmelskörper, schimmernd blau im Teleskop – der blaue Planet.

Die Reise begann ohne Gewissheit. Generationenschiffe verließen den sterbenden Mars, beladen mit Archiven, Samenbanken und der schweren Last der Erwartung. Viel Hoffnung war im Gepäck, aber auch Schuld. Niemand sprach sie aus, doch alle wussten: Man hatte einen Planeten verbraucht. Nun begann alles wieder auf Null.

Als sie ankamen, wirkte der blaue Planet unberührt, fast unschuldig. Ozeane rauschten frei, Wolken zogen über weite Kontinente, und das Leben pulsierte in ungezählten Formen. Die Menschen gaben ihm einen Namen, schlicht und endgültig: Erde. Es war ein Versprechen und ein Neuanfang zugleich.

Doch ein Neuanfang ist Arbeit. Alles musste neu aufgebaut werden. Die ersten Jahre waren hart, geprägt von Entbehrung und Anpassung. Alte Technologien versagten in fremden Ökosystemen, neue Gesellschaften mussten entstehen. Langsam wuchsen Städte, zuerst vorsichtig, dann immer selbstverständlicher. Die Menschen schafften es. Sie besiedelten den blauen Planeten erfolgreich, machten ihn sich zu eigen, formten ihn nach ihren Bedürfnissen – wie sie es immer getan hatten.

Millionen von Jahren vergingen. Die Geschichte des Mars wurde zur Legende, dann zum Mythos, schließlich zum Randvermerk in verstaubten Datenarchiven. Die Erde blühte, doch der Preis blieb unsichtbar, bis es zu spät war. Das Zusammenspiel aus der Sonne und dem Parasiten, den Menschen, ließ auch diesen Planeten langsam in die Knie gehen. Wälder verschwanden, Meere kippten, die Atmosphäre veränderte sich. Die Erde begann zu fiebern.

Wieder standen die Menschen vor derselben Frage, die sie einst vom Mars vertrieben hatte. Es musste ein neuer Planet her. Aber welcher? Die Sterne wirkten plötzlich fern und feindselig. Berechnungen wurden erneut angestellt, Optionen abgewogen. Zurück zum unbewohnbaren Mars, der nun endgültig tot war? Oder doch weiter weg, tiefer hinein in das kalte Schweigen des Alls?

Niemand wagte, die eigentliche Frage zu stellen: Ob es nicht die Menschen selbst waren, vor denen man hätte fliehen müssen. Doch wie immer entschieden sie sich für Bewegung statt Einsicht. Die ersten Schiffe wurden geplant, und irgendwo, in den letzten grünen Winkeln der Erde, flackerte ein schwaches, müdes Blau – wie eine Warnung, die erneut ungehört verhallte.

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